Die Natur der Dinge von Martin Wiesli

Die Natur der Dinge: Das klingt einerseits nach Philosophie, und in gewisser Weise ist Wieslis fotografischer Blick ja auch philosophisch, indem er einer Sache auf den Grund geht. Die Natur der Dinge könnte andererseits jedoch auch auf eine Systematik schliessen lassen. Aber obwohl hinter der Arbeit ein erkennbares Konzept steht, Systematik im strengen Sinn steckt keine dahinter. Die Reihung der Bilder lebt wie die Fotografien selbst von den feinen Unterschieden und den assoziativen Übergängen. So ergibt sich eine Art von poetischem Bildfluidum, das erst im zweiten Teil durch abstrakte Einschübe akzentuiert wird – und dadurch, dass erst hier Farbfotografien eingesetzt sind, freilich vollkommen zurückhaltende, fast monochrom wirkende.

Im Akt des Fotografierens ist der Fotograf jedoch nicht einfach der Helfershelfer der Sonne und der optischen Gesetzmässigkeiten. Er lenkt diese. Und wenn er in der Natur Bilder macht, dann hat er selbst welche im Kopf, Vor-Bilder, in die der Ausschnitt der Natur eingeschrieben wird. Wie bei Alfred Stieglitz kann dieser Prozess eben auch in der Entscheidung liegen, das Bild so zu belassen, wie es aufgenommen wurde, also den Moment wiederzugeben, der sich eingeprägt hat. Entsprechend gewichtig ist dann der Augenblick des Auslösens – und im Endeffekt die Wahl gültiger Bilder. Martin Wiesli steht in dieser Tradition von Stieglitz. Und auch er nimmt bestimmte Genres des Genres Naturfotografie auf. Man könnte das als fotografisches Vokabular bezeichnen.

So reizvoll die Vorstellung von der Lichtzeichnung, also von einem quasi natürlichen Vorgang ist: Fotografie ist immer auch Abstraktion. Sie ist es als Übersetzung und Umsetzung, ob die Aufnahme analog, wie bei Martin Wiesli, oder digital erfolgt, ob das Bild im Fotolabor entwickelt und vergrössert oder digital eingelesen wird. Auf diese merkwürdige Dialektik von Lichtzeichnung und Abstraktion machen die sehr malerisch wirkenden Einschübe im zweiten Teil des Bildessays Die Natur der Dinge aufmerksam. Sie rhythmisieren die Bildfolge. Sie können als innere Landschaften oder als Lichterscheinungen gesehen werden. Das sind sie denn auch. Sie entstehen dadurch, dass der Fotograf ein weisses Blatt Papier auf den Scanner legt, den Deckel hebt und senkt oder das Blatt bewegt. So entstehen – fast ist man versucht zu sagen: wie durch Geisterhand – diese Lichtzeichnungen. Zu erklären sind sie vermutlich durch Lichtbrechungen.

Die Natur der Dinge also. Die Sujets von Martin Wiesli zeigen – mit Ausnahme der Asthaufen – fast archaische Erscheinungen, Dinge, die schon immer so waren oder doch seit Menschengedenken so sind. Wolken ziehen über den Himmel. Der Himmel verdunkelt sich. Sterne ziehen auf wie Wolken. Sternenwolken werden zu Sternenwellen. Wellen branden. Eins geht ins andere über. Simple Motive könnte man sagen. Man kennt sie. Oder man meint, die Phänomene, die auf den Fotografien zu sehen sind, eigentlich zu kennen – und geht doch meist achtlos an ihnen vorbei, so natürlich erscheint das Natürliche. Wiesli jedoch schärft auf seine poetische Weise den Blick auf eben dieses Natürliche. Nach einer Aussage des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty ist schliesslich der Akt des Sehens und Wahrnehmens immer ein poetischer Akt, der mit visueller Berührung in engem Zusammenhang steht. Das gilt erst recht für den langsamen, behutsamen Blick, wie er in der Fotografie von Martin Wiesli aufscheint.