Gesichter, Räume, Geschichten

Martin Wieslis Porträtserien sind nüchterne Aufzeichnungen menschlicher Wesen, vier Ansichten von jedem Modell, als handle es sich um Dokumente eines Polizeiarchivs. Dem Objektiv der Grossformatkamera entgeht kein Detail, das Gesicht scheint vervielfacht aus dem Aufnahmeprozess hervorgegangen zu sein, eingefroren im Negativ und ins Bild gebannt. In der

Enge des Formats eingeschlossen und oftmals nur als Fragment sichtbar, wird das Gesicht zum Objekt, das erst in dieser Form und ohne Empathie betrachtet, zum optischen Genuss wird. Das Licht changiert auf dem herunterhängenden Haar wie auf Samt. Die Schweissperlen wirken wie Tautropfen, die das Streiflicht über der ockerfarbenen Haut zum Leuchten bringt. Haarlocken fallen wie feine Pinselstriche über die Stirn, und in die Lippen sind kleine Furchen gezogen, deren feuchte Stellen ebenso funkeln wie die Augen. Martin Wiesli überlässt nichts dem Zufall. Licht, Farbe, Hintergrund, Ausdruck – alles ist abgestimmt. In der Serie treten die Bilder zudem in einen chronologischen Zusammenhang, der im Falle der Bildpaare eine erzählerische und eine psychologische Ebene dazu gewinnt. In welchem Zusammenhang stehen das neonbeleuchtete Treppenhaus und die schwarz gekleidete Frau, fragen wir uns. Entsprechen die leeren Räume, von denen sich eine Frau abwendet, ihrem Gemütszustand, oder verbindet die Frau mit diesem Raum ein Erlebnis? Die Bildpaare sind auch Vergleiche, Gleichsetzungen. Sie sind zudem farbliche Kompositionen.

Michael Krethlow