“ I love you ”

When you think that you’ve lost everything, you’ll find out you can always loose a little more.

Bob Dylan

Martin Wieslis Fotografien sind wunderbare Bilder einer heillosen Welt. Streng komponiert, verbindet ihre nüchterne Schönheit die Zivilisation mit der Natur. Mit maximaler Tiefenschärfe treibt das Objektiv dem Leben die Willkür aus. Durch die Perfektion der Darstellung hindurch scheint Verlorenheit: Wenn die Gewissheiten fehlen, vergöttert die Kunst die Oberfläche. Deren Makellosigkeit ist die geheime Obsession unsrer Zeit. Wir spiegeln uns in ihrem scharfen Glanz.

Wieslis Bilder sind homogen. Es gibt in ihnen keine privilegierten Punkte, keine kenntlichen Orte. Selbst Manhattan verwandelt sich in eine Atopie.Ursprünglich galt Fotografie als Stillstellung der Zeit, die in der Betrachtung als Emotion (Bewegung) aufersteht. Wieslis Bilder indes rühren nicht, es sind Feststellungen des Nicht-Feststellbaren, sie haben nichts Dokumentarisches an sich.

Orte, Dinge und Menschen funktionieren nicht als Abbildungen, sondern erscheinen als betörende Machwerke - entrückte Produkte von Technologie. Sie existieren, ohne jeden Zweifel, aber sind sie wirklich?

Raum und Zeit verlieren durch die lange Belichtungsdauer ihre klare Kontur: Irritation und Desorientierung als Konzept, Manipulation und serielles Dasein als Bedingung der Möglichkeit.

Ist das der Mythos von der Liebe? Hier verwandelt sie nicht mehr, sondern wird selber verwandelt, von der suggestiven Macht der Objekte , die sie begehrt. Und dreimal kräht der Hahn aus allen Dingen: “I love you”.

Die Traurigkeit von Wieslis Magie ist tief, sie kommt ohne jedes Pathos aus.

Diesen Bildern eignet nichts Abschliessendes, bei aller Entschiedenheit, die sie zur Schau stellen, ist ihnen der Gestus des Endgültigen fremd. Als wüssten sie in stoischer Ruhe um den Fortbestand einer Welt, die ohne Zukunft auskommt, und um das erlösende Glück, vom nächsten Bild überblendet zu werden.

Reto Sorg